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Die Musik zählt zum Ausdrucksvollsten und Brillantesten aus Händels Feder, und entzückt heute noch das Publikum. Auch das Thema könnte moderner kaum sein: in einer Gesellschaft ohne Werte, die oberflächlich und exaltiert ist, bleibt für Liebe wenig Raum. Die Wurzeln dieses Opernklassikers und Höhepunktes barocker Opernliteratur liegen in Ariosts Gedicht Orlando furioso begründet. Zahlreiche Dramatiker hatten sich vor Händel an dem Stoff versucht, allen voran William Shakespeares Adaption Viel Lärm um Nichts (Much ado about nothing) sollte Weltruhm erreichen. Zum Abschluss des großen Jubiläumsjahres von Georg Friedrich Händel bietet così facciamo („So machen wir es!“) Händels Bravourstück für die Spielzeit 2010 / 2011 in eigener Realisation an, 275 Jahre nach der Uraufführung in London, und 85 Jahre nach der deutschen Erstaufführung in Stuttgart.
Die schottische Königstochter Ginevra liebt den jungen Ritter Ariodante. Hocherfreut billigt der König diese künftige Verbindung und gibt den jungen Leuten seinen Segen. Polinesso, der Herzog von Albany, will jedoch anstelle Ariodantes auf den Thron, und sieht seinen Weg dorthin durch eine Ehe mit Ginevra gegen deren Willen. Er zwingt Dalinda, Ginevras in Polinesso verliebte Vertraute, ihn bei Nacht in den Kleidern und Gemächern ihrer Herrin Ginevra zu empfangen. Ariodante wird Zeuge von Polinessos Stelldichein mit der vermeintlichen Ginevra, glaubt sich verraten und stürzt sich ins Meer. Er überlebt und kann zufällig einen Mordanschlag vereiteln, der in Polinessos Auftrag Dalinda als Mitwisserin beseitigen soll. Von Dalinda erfährt Ariodante die Zusammenhänge. Der König, dem Ginevras vorgebliche Unsittlichkeit zugetragen wurde, glaubt Ginevra jedoch schuldig und verurteilt sie trotz widerstrebender Vatergefühle zum Tode. Nach dem Ehrenkodex der Zeit kann Ginevra nur noch durch ein Gottesurteil vor der Hinrichtung gerettet werden, indem ein ritterlicher Verteidiger der Ehre Ginevras deren Ankläger Lurcanio, Bruder Ariodantes und Verehrer Dalindas, im Zweikampf besiegt. Polinesso wittert seine Chance und fordert Lurcanio heraus, fällt aber in diesem Kampf und gesteht sterbend seine Intrige. Damit ist Ginevras Ehre wiederhergestellt. Einer Hochzeit des standhaften Paares steht nichts mehr im Wege.
Realisation durch così facciamo
Mit Händels Ariodante verwirklicht das Ensemble così facciamo seine nunmehr fünfte Opernproduktion (zuletzt Monteverdis „L’Orfeo“ 2008). Für Regie und Bühne konnte das Ensemble erstmals den Sänger und Regisseur Kobie van Rensburg aus Südafrika gewinnen, der sich neben einer glanzvollen Gesangskarriere an den führenden Opernhäusern der Welt (einschließlich der MET in New York) seit einigen Jahren auch als Regisseur durch äußerst phantasievolle Barockoper-Inszenierungen einen Namen macht. In seinem Regieansatz treffen sich historische Aufführungspraxis und High-Tech: mittels spielerischer Projektionen werden virtuelle Bühnenräume augenblicklich erzeugt und verändert, und es entfaltet sich eine wahrhaft barocke Szenenfantasie.
Die kongeniale musikalische Umsetzung liegt in den Händen des musikalischen Leiters des Ensembles Hans Huyssen. Das auf historischen Instrumenten spielenden Orchester ist reich instrumentiert, u.a. mit Flöten, Oboen, Hörnern, Fagott, einem Streicherensemble sowie einer farbenreichen Continuo - Gruppe.
Zur Handschrift des Ensembles gehört es, mit einfachsten Mitteln eine radikale Lesart von historischer Aufführungspraxis auf die Bühne zu bringen, die sich immer zunächst an der innersten, menschlich-emotionalen Dramaturgie des Stoffs orientiert, und versucht, den zeitlosen Gehalt in seiner Tiefe und Ausdruckskraft zu erfassen und für ein zeitgenössisch Publikum aufzubereiten. Händel selbst brach zur effektvolleren Personencharakterisierung mit einigen strengen Konventionen seiner Zeit: statt schematischer da capo Arien werden oft freie Ariosi verwendet, oder ein begonnenes da capo wird plötzlich abgebrochen. Im Sinne einer Werktreue im Geiste setzt così facciamo diesen Ausbruch aus konventionellen Beschränkungen noch weiter fort. Aus dem (noch) kanonisch festgelegten Schema einer Opera Seria in 3 Akten wird so ein zeitlos menschliches Liebesdrama in 2 Bildern. Damit einhergehende Kürzungen sind keine Reduktion des Meisterwerkes, sondern bedeuten ein Mehr an Spannung verdichtetem Erzählgestus.
Für die Uraufführung nutzte Händel die für ihn neuen Möglichkeiten des Covent Garden Theater in London und komponierte für Ariodante wohl insgesamt drei Tanzstücke, deren Einbindung, Ausgestaltung und Fassung in den unterschiedlichen Quellen jedoch voneinander abweichen. Auch fügen sich die Tänze nicht so recht in die ansonsten zielstrebige Handlung, und scheinen eher einer damals beliebten französischen Konvention des höfischen Ballett zu folgen. In der Realisation durch così facciamo wird die Facette tänzerischen Ausdrucks der Vorlage mit einer Tänzerin gestaltet, die im Laufe der Handlung (etwa den Albträumen Ginevras) weitere szenische Funktionen übernimmt.
Herausragende junge Sängersolisten mit reicher Erfahrung in Alter Musik übernehmen die Partien der sechs Hauptfiguren (Ariodante Mezzosopran, Ginevra Sopran, Polinesso Mezzosopran, Lurcanio Tenor, Dalinda Sopran, Der König - Bass), sowie als Solistenensemble die - seltenen - Chöre des Stückes. Insbesondere das große Aufatmen des „lieto fine“ (Happy Ends) am Schluss kommt somit aus den Seelen der Figuren selbst.
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